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17. Mai 2010, 21:37 Uhr

Chrysler Crossfire Nach hinten buckeln, nach vorne treten

Das Sport-Coupe mit der spektakulaeren Form hat ganz viel vom alten Europa mitbekommen - und ist zugleich Hoffnungstraeger fuer den amerikanischen Markt.


Von Joerg Reichle

Es wird einem ganz lyrisch zumute, wenn man in diesem Auto sitzt. "Dem Buerger fliegt vom spitzen Kopf der Hut", kommen uns ein paar Zeilen des expressionistisch beeinflussten Dichters Jakob van Hoddis in Erinnerung, "in allen Lueften hallt es wie Geschrei. Dachdecker stuerzen

ab und gehn entzwei." Letzteres haben wir Gott sei Dank nicht erleben muessen auf unseren Ausfahrten mit dem neuen Chrysler Crossfire.
Tatsaechlich stiftet dieser aber um sich herum spontane Konfusion. Mit verdrehtem Kopf stolpern Passanten ueber Bordsteine, Radfahrer geraten ins Schwanken, vor der Ampel verpassen wieder andere das Gruenlicht. Ein Hingucker also und Neugierigmacher, eine listige Kampfansage an die Auto-Routine.

Was fuer ein Ruecken!

So wie der Crossfire sieht derzeit nichts anderes auf den Strassen aus. Vor allem nicht von hinten. Was fuer ein Ruecken! Von gebaendigter Energie gekruemmt, nach unten schlanker zulaufend, darunter mittig die beiden Auspuffrohre: Autofreunde, haltet andaechtig inne und lobet verschwenderisch so viel gestalterischen Mut!

Seit Erscheinen des Audi TT, dessen direkter Konkurrent der Crossfire ist, hat uns kein Coupe mehr formal derart verbluefft. Da veruebelt man nicht einmal eine gewisse Hochbeinigkeit oder den etwas kurzen Radstand.

Man ist sogar geneigt, dem Crossfire die Rolle des Hoffnungstraegers fuer die Marke aufzubuerden, denn Chrysler geht es momentan alles andere als gut. Die einstige Nummer drei der "Big Three" wurde auf dem Heimatmarkt USA mittlerweile sogar von Toyota ueberholt, und die Zweifel mehren sich, dass in diesem Jahr das versprochene, leicht positive operative Ergebnis ueberhaupt noch moeglich ist

Mischkind

Produkten wie dem Crossfire moeglicherweise. Dabei ist das Coupe ein ausgesprochener Stilmix: Von aussen ist es mit seinen uebergrossen Raedern, dem massigen Karosseriekoerper und den kleinen Fensterflaechen ein typischer Vertreter des neueren US-Designs.

Unterm Blech aber war noch kein Amerikaner so europaeisch wie dieser. Das ist durchaus im direkten Wortsinn zu verstehen. Denn der Crossfire steht nicht nur auf der Plattform des Mercedes SLK, er gibt sich auch sonst nicht sonderlich Muehe, seine Wahlverwandtschaft zu kaschieren: Zahlreiche Teile, genauer 39 Prozent, willkuerlich angefangen bei den Lueftungsgittern und Bedienungselementen am Armaturenbrett, stammen aus dem Mercedes-Regal. Die kostendaempfende Massnahme muss freilich kein Nachteil sein, und potenzielle Crossfire-Kunden duerfte sie kaum abschrecken.


Vor allem nicht, dass auch der Motor ein deutscher ist: Der 3,2 Liter grosse
V-6 wird in Untertuerkheim gebaut. Das Alu-Aggregat mit oben liegenden Nockenwellen und drei Ventilen je Zylinder traegt mit seinen bloss 140 Kilogramm Lebendgewicht uebrigens entscheidenden Anteil am fuer heutige Verhaeltnisse eher bescheidenen Leergewicht des Crossfire von 1452 Kilogramm.



Da haben die 160 kW (218 PS) und das an sich nicht gerade monumentale Drehmoment von 310 Nm keine Muehe mit temperamentvollem Vortrieb. Die versprochene Hoechstgeschwindigkeit von 250 km/h erreichten wir zwar jeweils erst nach laengerem Anlauf.


Viel Licht...

Dramatisch ist das aber nicht, zumal der Crossfire seine Staerken lieber auf der Landstrasse - wenn es sein muss, auch auf solchen dritter Ordnung - auslebt. Hier, nicht zuletzt, outet sich auch seine gaenzlich unamerikanische Natur.

Die steife Karosserie im Verbund mit dem straff abgestimmten Fahrwerk und den unterschiedlich grossen, dabei ungewoehnlich breiten Reifen lotet eher die Grenzen des Fahrers aus als die physikalischen. Eine Fahrmaschine ist der Crossfire, akustisch nur in Beschleunigungsphasen praesent, dann aber als herzerwaermende Massage fuers Trommelfell.

Der Pilot geniesst all das in entspannter Fuehrungsposition, hat ordentlich Gepaeck dabei, sitzt gut und staunt ueber das grosszuegige Raumgefuehl, das angesichts der klein dimensionierten Fensterflaechen die Erwartungen uebertrifft.


Das gilt uebrigens auch fuer den umgebenden Materialmix - Ausnahme: die billige Verkleidung der Mittelkonsole - und eine Verarbeitung, deren Guete man den deutschen Einfluss anzumerken meint; von US-Autos wurde man in dieser Hinsicht bislang ja nicht sonderlich verwoehnt.


...und ein wenig Schatten

Wo so viel Licht ist, kann auch der Schatten nicht fehlen. Das Sechsgang-Getriebe hakelt und
legt die Wahl der Automatik dringend ans Kaeuferherz, die Lenkung duerfte zugunsten von noch mehr Fahrspass direkter sein und die Richtungsstabilitaet bei hohem Tempo besser - trotz des kleinen Spoilers, der sich ab 90 km/h automatisch keck in den Wind reckt.

Alles in allem aendert das aber nichts an dem Umstand, dass man fuer

37.200 Euro hier ein ausserordentliches Auto bekommt.

Geht gut, bremst gut und sieht spektakulaer aus.

Well done.

+++ Crossfire Coupe***
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